Brief aus Eckernförde – Maß halten # 46

Mein Lieblingslied in den 1980er war „Rosarote Rosen“ und bei der Zeile „Ich teil mit dir allein, den Hang zum Übertreiben“ bin ich fast immer ausgeflippt. Die Zeile stammt von Dr. Pop. Er war der Sänger dieses Liedes, ich war der Gitarrist. Das ist aber eigentlich nur Nebensache. Denn eigentlich wollte ich von dem Schnäppchenjäger Dr. Pop erzählen. Schon damals kaufte er kaum etwas zum Normalpreis, überall und nirgends versuchte er Rabatte einzuklagen. Neulich erst besuchte er mich in Brauweiler und  hat mir seinen neuesten Anzug vorgeführt. Den hat er kürzlich im Ausverkauf für den absoluten Supersondersonderpreis erstanden. Wohl  so um 80% billiger, Dr. Pop war stolz wie Oskar, ich versuchte seine Freude etwas zu dämpfen: „Naja, als Freizeitanzug für Abende im Schummerlicht, durchaus o.k.“ Was das jetzt schon wieder mit dem Brief aus Eckernförde zu tun hat. Bitte lesen Sie selbst. P.S. Solche Stories gehören zum Sommerloch wie Zwiebeln zum Matjes. (Illustration: Meike Teichmann).

 

Moin, moin,

während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Strandkorb mit Blick auf die Eckernförder Bucht. Um mich herum wuseln Kinder im Sand herum und hinter mir höre ich das Juchzen jener, die sich mutig die Rutsche im Meerwasserwellenbad hinunterstürzen. Auf dem Wasser ein paar Boote und dazu kreischen die Möwen. Strandleben, wie ich es liebe.

Aber: Bislang, um kurz das Randthema Wetter zu streifen, entsprach der Sommer diesbezüglich  nicht den Erwartungen. Wobei – man muss vorsichtig sein. Die Erwartungen der Gemüsebauern zum Beispiel, wurden sogar übertroffen, mancher kreislaufsensible Hitzephobiker wird auch zufrieden sein. Es geht wohl eher um die Erwartungen der großen  und /oder einflussreichen Gruppen. Sonnenanbeter, Betreiber großer Außengastronomie und natürlich die Verkäufer expliziter Sommermode.

Letztere treten zunehmend offensiv an mich heran und behaupten alles müsse raus. Eine, wie ich finde erste Übertreibung. Müsste wirklich alles raus – man will es sich nicht vorstellen. Aber jetzt kommt´s. Die Sommermodeverkäufer umwerben mich mit Rabatten von bis zu 80 %. Ich rechne das mal rasch vor. Eine Sommerbluse, die regulär 49,50 € gekostet hat, kann ich jetzt für 9,90 € in Besitz nehmen. So, vor dem Weiterlesen jetzt mal bis 3 zählen.

Und? Finden Sie ein solches Angebot seriös? Keimt da nicht der Verdacht, noch letzte Woche wäre man beim Kauf zum „Originalpreis“ über die Ladentheke gezogen worden. 80 % Nachlass. Herrschaften.

Nun wird der Händler argumentieren, er bräuchte Platz für die Herbstware, für die Winterjacken und sonst was. Die Sommerbluse für 9,90 € loszuschlagen wäre kaufmännisch sinnvoller, als sie zu vernichten. Ganz ehrlich. Warum verschenkt er sie nicht an den Hersteller. Womit ich nicht den Importeur meine, sondern den Hersteller. Die Näherin in Bangladesh, die würde sich wahrscheinlich freuen. Ist ja quasi immer Sommer da „unten“.

80 %. Kriegen wir den Hals denn nie voll?

Gleich neben der Anzeige des Sommermodeverkäufers wirbt ein Fastfoodanbieter und preist einen Burger an. Einen Triple-XL-Burger. Ich habe verstanden, wir kriegen den Hals tatsächlich nie voll.

Es ist, wie es ist.

Ihre Margarete Brix

P.S. Bei der Tour de France hat man Fränk Schleck, einen der Stars wegen Dopings aus dem Verkehr gezogen und in Nordkorea hat sich Kim Jong Un zum Marschall der Streitkräfte ernannt. Vielleicht sind 80 % Nachlass im Weltmaßstab doch nicht sooo übertrieben.

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