Brief aus Eckernförde – Sensationell alltäglich #78

Ich möchte heute Morgen mal den Schwarm beschwören. Der Schwarm, der gegen die Zahl Fünfundsiebzig hält. Jeder Pulheimer weiß, was ich meine. Der Schwarm, der sich endlich mal über Brauweiler erhebt und  schreit: „So geht es nicht weiter.“ Dem Schwarm ist es egal, ob irgendeiner aus der Reihe tanzt oder  ein Richter krank geworden ist, ihm geht es um sein Habitat. Und das befindet sich seit Juli 2010 in einer ökonomischen Kippfigur. Außerdem sollte Schwarm dem Bürgermeister und seinen Kameraden mal zeigen, wie und wo man am besten baden geht. Am besten, in dem sich der Schwarm vor dem Verwaltungsnest demonstrativ aufbaut. Was sind schon 7000 Unterschriften gegen irgendetwas, die bekommt man schnell wegverwaltet. Genug geschwärmt?! Nur noch kurz eins, am Sonntag, den 2. März, trifft sich um 15.00 Uhr der Vorstandsschwarm der CDU Brauweiler Dansweiler Freimersdorf auf dem Parkplatz vor dem Tennenplatz an der Donatusstraße in Brauweiler. Von dort geht es, bewaffnet mit Mülltüten, Bollerwagen, Handschuhen und Greifzangen, entlang der Bonnstraßen zum Aufsammeln des Fast-Food-Mülls. Und nun schalte ich um zu Margarete Brix und dem Brief aus Eckernförde. Die hat letzten Samstag ferngesehen und neigt ausnahmsweise alltags zur Nabelschau mit sensationeller Einsicht, aber auch mit einmaliger Aussicht auf ein sonntägliches Fischbrötchen. Der Eckernförder Schwarm versammelt sich zum Fischmarkt. (Illustration: Meike Teichmann)

 

Moin, moin,

Fiete glaubt das und Marie glaubt das. Markus Lanz sehr wahrscheinlich auch und Silvio Berlusconi ganz sicher. Wir alle glauben an unsere Einzigartigkeit. „Die individuelle Note“, „Das Unikat“, „Der Maßanzug“. Hört sich exklusiv an. Uns gefällt das. In der Masse untergehen wollen wir nicht. Aber mal ehrlich: Ähneln wir uns nicht viel stärker, als wir wahr haben wollen?

„Was ziehe ich an?“ „Ob sie mich wohl gut findet?“ Was soll ich heute kochen?“ „Welches Studium ist für mich das richtige?“ „Warum werde ausgerechnet ich so krank?“ Diese und Dutzende andere Fragen stellen wir Menschen uns alltäglich. Na und? Was ist schlimm daran, wenn wir nicht herausragen? Wir bewundern die Synchronität mit der Vögel im Schwarm fliegen, suchen uns aber für unser Auto Alufelgen aus, die der Nachbar nicht hat. Wir schauen im Fernsehen dieselben Serien, kochen plötzlich alle mit Ingwer und tragen Wasserflaschen mit uns herum. Leute, das ist doch vollkommen in Ordnung. In Ordnung, weil es menschlich ist.

Ich komme noch mal auf Markus Lanz zurück. Ich hatte letzten Samstag Abend nichts vor. Das Programm war öde, kein neues Buch auf dem Nachtisch, also schaute ich Lanz, Cindy aus Marzahn und Justin Timberlake. Und es war mir nicht peinlich. Der Mensch braucht diese Inseln geistiger Leere um zu regenerieren. Aber warum um Himmels Willen, bietet uns die Regie des ZDF Justin Timberlake in Zeitlupe, während er den Sturz eines österreichischen Skiläufers mit staunend offenem Mund zur Kenntnis nimmt? Ist der Umstand, dass man staunt so sensationell und daher zeigenswert, oder hat man beim ZDF Justin Timberlake nicht für befähigt gehalten, eine menschliche Reaktion zu zeigen?

Dass in aufwändiger Inszenierung Oskars an Filmarbeiter verliehen werden, die man Göttern gleich verehrt. Geschenkt. Das ist ein tolles Geschäft und vermutlich weniger schädlich, als Fracking. Nur ernst nehmen dürfen wir das eben nicht. Nicht glauben, die auf die Bühne stolpernde Schauspielerin sei einzigartig. Die hat sich nämlich auch gefragt, was sie anziehen soll.

Ich bin sehr dankbar der Spezies Mensch anzugehören und nicht als Fruchtfliege auf die Welt gekommen zu sein. Das allein ist doch sensationell genug.

Ihre und Eure Margarete Brix

P.S. Sonntag ist Fischmarkt. Das ist nicht einzigartig. Aber mir gefällt es, durch den Hafen zu bummeln und wie Hunderte andere ein Fischbrötchen zu essen. Das Wetter? Es soll wohl trocken bleiben. Sensationell.

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