Brief aus Eckernförde – Wer den Schaden hat… #4

(red) „Moin moin,“ schallt es völlig aufgekratzt durch die Leitung. Natürlich, es ist Margarete Brix, unsere Urlaubsbekanntschaft aus Eckernförde. Brix ist Amtsrichterin a.D. Sie kennt in der Region Gott und die Welt. Was Köln für Brauweiler bietet, das leistet Kiel für Eckernförde. Brix war in Sachen Kultur unterwegs und hat die Kieler Kunsthalle aufgesucht. Sie berichtet aber nicht aus den Heiligen Hallen der Kultur, sondern vom Geschlechterkampf auf dem grauen Band schleswig-holsteinischer Landstraßen. (Illustration: Meike Teichmann).

 

Moin, moin,

 

um es gleich zu gestehen: ich weiß es nicht, aber ich vermute es. Ich vermute, die wohl schönste Freude, die wir Menschen empfinden können, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit – die Schadenfreude. Für den Fall, dass Sie nun sofort nach Argumenten suchen, um mich zu widerlegen, wäre eben dies eine solide Stütze für meine These. Also, nur zu.

 

Bis Sie Ihre Argumente gesammelt haben, möchte ich rasch eine kleine Episode zum Besten geben. Letzten Freitag habe ich die sehenswerte Ausstellung* des finnischen Fotografen  Jaakko Heikkilä in der Kieler Stadtgalerie besucht. Heikkilä ist ein Meister seines Faches. Er zeigt uns Menschen, deren Leben, oft wegen ihrer Herkunft, ein Leben am Rande der Mehrheit ist. Ich schaute die Fotos an, plauderte mit einem ehemaligen Staatsanwalt, der mich in unserer aktiven Zeit oft an den Rand einer Tätlichkeit im Amt gebracht hat und so wurde es spät. Ich bin eine alte Frau und war müde. Ich rief ein Taxi. Bisweilen kann ich unerwartet verschwenderisch sein.

 

Mein Fahrer, der sich höflich als Herr Siemsen vorstellte, war ein alter Hase, dem im Straßenverkehr niemand etwas vormacht. Seine lässige Körperhaltung, die souveräne Art, wie er das Lenkrad durch seine Hände gleiten ließ, das Wissen um die Ampelphasen, all das machte ihn zum Helmut Schmidt der B 76. Und doch gelang es der jungen Fahrerin eines älteren Renault Twingo, meinen Chauffeur aus der Ruhe zu bringen. Sie blinkte zu früh, oder zu spät, fuhr zu langsam oder zu schnell, bediente das Radio, obwohl sie hätte den Verkehr beobachten müssen. Eine Elevin der Straße, die falsch machte, was falsch zu machen war. Mal fuhr sie vor, mal hinter und mal neben uns, ohne von der Fahrkunst des Meisters Kenntnis zu nehmen. Er überholte auf der autobahnähnlich ausgebauten und vierspurigen Strecke, blinkte nach dem Überholvorgang demonstrativ lange um zu dokumentieren, dass in Deutschland Rechtsfahrgebot herrscht. Zu gern hätte er sie, die allein auf sich und, das sah man an den Kopf- und Mundbewegungen, auf die Musik konzentriert war, an die Kandarre genommen, aber ihm waren die Hände gebunden. Es waren schwere Minuten im Leben meines Fahrers.

 

Dann, kurz vor Gettorf, dort wird die B76 zweispurig, überholte sie ihn tatsächlich nocheinmal. Unwillig schnaubte er. Dann, etwa auf der Höhe von Gettorf, nahm die Elevin ihr Handy ans Ohr und reduzierte ihre Geschwindigkeit auf etwa 70 km/h. Noch hatten wir gute zwölf Kilometer zu fahren. Herr Siemsen geriet förmlich außer sich. Überholverbot, Gegenverkehr. Er war hinter der Elevin gefangen. Er schimpfte, sein Nacken färbte sich rot. Allein, es half nichts. Auf Höhe des Südstrandes, beim Kletterwald, erwischte die Twingofahrerin die Ampel bei grün, wir nicht. Ich fürchtete um Herrn Siemsens Gesundheit. Wenig später, in unserem schönen Eckerförde angekommen, bat ich Herrn Siemsen, kurz auf dem Parkplatz am Rathaus zu halten, weil ich noch rasch einen Döner kaufen wollte und, Siemsen mochte es kaum glauben, da war sie wieder, die Elevin auf der Suche nach einem Parkplatz, nur wenige Meter vor uns. Sie hatte gerade einen alten roten Passat Kombi passiert, als dessen Rückfahrscheinwerfer aufleuchtete, und dieser zurücksetzte. Herr Siemsen kam, sah, siegte, triumphierte und besetzte schwungvoll die einzige Lücke. Das geschiehe ihr recht, wer zuletzt lache, lache am Besten. Er war rundum glücklich.  Die Elevin parkte inzwischen in zweiter Reihe ein. „Der werde ich helfen“, sagte Siemsen, öffnete seine Tür, stürmte zur Elevin, die gerade aussteigen wollte, setzte „Junges Fräulein“ rufend, zu einer großen Rede an, hob dabei die rechte Hand und vergaß, dass er einen imposanten Schlüsselbund in derselben trug. Die Schlüssel trafen prasselnd, kratzend und folgenreich das Blechkleid des Twingo. Die Elevin, um die Vorgeschichte nicht wissend,  prustete spontan vor Lachen, das angesichts des fassungslosen Täters in amüsiertes Kichern überging. Herr Siemsen, so schien mir, wäre gern im Boden versunken. Ich fühlte mich glänzend unterhalten und hoffte auf dem Weg zum Türken meines Vertrauens nicht zu stolpern oder gegen eine Laterne zu stoßen.

 

Vielleicht sollten wir die Schadenfreude und deren Profiteure nicht so negativ bewerten. Wichtig ist nur, dass die Schäden einigermaßen gleichmäßig verteilt sind.

 

Ihre Margarete Brix

 

 

* Die Ausstellung Silent Talks läuft übrigens noch bis zum 13. November

 

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